Norbert Bruckermann                                                  "AUF LOHBERG"

Herr Bruckermann schön das Sie sich Zeit genommen haben für unser Interview. Wo genau haben sie denn gearbeitet also in welcher Industrie waren sie tätig ?

 

 

Norbert Bruckermann: „Ich war im Steinkohle-Bergbau, auf der Zeche Lohberg in Dinslaken. Zu Beginn meiner Ausbildung benutze man den Begriff „Schachtanlage„, später ″Bergwerk″. Aber ich denke, man weiß was gemeint ist…"

 

 

Und wie lange genau waren sie genau in der Steinkohle beschäftigt ?

 

 

Norbert Bruckermann: ″Ich bin im September 1986 nach meinem Realschul-Abschluss mit meiner Ausbildung angefangen und habe den Betrieb Ende Januar 1997 während der Kohlekrise verlassen. Dazwischen war ich auch noch für 12 Monate zum Grundwehrdienst bei der Bundeswehr″.

 

 

Und haben Sie denn eine lustige Geschichte parat die sie mir erzählen könnten ?

 

 

Norbert-Bruckermann: ″Lustige Geschichten hatte man eigentlich jeden Tag – aber es schwierig sie zu erzählen, ohne dass sich jemand wieder erkennt. Aber es gab schon viele "Typen". Da war der Lagerist das Elektro-Lager unter Tage, der für den Fahrsteiger bei aufgelegter Handbremse und eingelegter erster Fahrstufe auf den Widerständen der alten Fahrdraht-Loks Würstchen gebraten hat. Oder der Förderaufseher, der zur Zeiten, als durch die Querschläge und Richtstrecken noch Kohlezüge zum Schacht fuhren, eine große Macht hatte. Wenn man als Handwerker für einen Umbau am Wochenende noch Material transportiert haben musste, ging kein Weg an ihm vorbei. Da saßen auch schon mal Fahrsteiger am Platz des "Knebeljungen", um die Wagen hinter den Kreiselwippern wieder zu kuppeln. Ein eiliger Transport kostete eine Stunde Knebeln. Und bei uns Bandelektriker war ein Bandschlosser sehr verschrien – er galt als ″Seuchenvogel": Jede mögliche oder unmögliche Störung – bei Peter auf der Schicht passierte sie: Bandriss: auf Peters Schicht, Übergabe voll gelaufen: auf Peters Schicht, Getriebe vom Antriebsrahmen gefallen: auf Peters Schicht″ !

 

 

Welche Geschichte ist Ihnen denn am dramatischsten in Erinnerung geblieben ?

 

 

Norbert Bruckermann: "Die Sache, die mir am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben ist, ist ein eigener Beinahe-Unfall: Ich hatte 17-Uhr-Schicht und war als Bandelektriker in den Bandanlagen auf der 5. Sohle eingeteilt. Nach der Fahrt mit dem Personenzug musste ich noch mit dem Blindschacht 5-3-0 von der 4. Sohle zur 5. Sohle runter fahren. Mit mir zusammen war noch der Bandschlosser angefahren und einige Kumpel, die bereits auf der C-Sohle aussteigen würden, um zum Kohlerevier zu kommen. Der Blindschacht war ein sehr großer Schacht mit zwei 3-Etagen-Körben (davon jeweils ein Personensatz). Die große Zeit des Schachtes (er diente ursprünglich zum Abtransport der Berge, die bei der Auffahrung der 5. Sohle anfielen) war bereits vorbei. Der Schacht stand erheblich unter Abbaueinwirkung des Kohlereviers, die Stapelhauer (Schachthauer im Blindschacht) waren im Dauereinsatz. So mussten auch wir noch auf die Seilfahrt warten, weil wieder im Schacht gearbeitet wurde. Nach etwa 15–20 Minuten kam der Korb mit den Stapelhauern hoch. Die Hauer stiegen vom Korbdach, setzten den Personensatz vor und schalteten den Blindschacht auf Automatikbetrieb und gaben die Seilfahrt frei. Ich stieg als erstes auf dem Korb und wollte dort -wie jeden Tag- die Zielwahltaste ″5. Sohle″ drücken. Doch am Bedientableau kam ich nicht an: Ich fand mich auf dem Boden wieder – das linke Bein verdreht, das rechte baumelte zwischen dem Personen- und dem darunter liegenden Materialsatz: Die Stapelhauer hatten vergessen, die Klappe der Verbindungsöffnung zwischen den beiden Sätzen zu schließen. Wäre ich etwas anders getreten, wäre ich vermutlich durch das Loch drei Meter in die Tiefe auf den darunter stehenden Materialwagen gefallen. eure Fragen würde ich dann wohl nicht mehr beantworten…."!

 

 

Was waren denn genau ihre Aufgaben auf Lohberg ?

 

 

Norbert Bruckermann: "Ich habe nach der Ausbildung als Elektro-Hauer in den sogenannten Großbandanlagen gearbeitet, zunächst auf Frühschicht in der Herrichtung, später für längerer zeit permanent auf der Reparatur-Nachtschicht, zum Schluss in Wechselschichtdienst. Mir hat gefallen, wieviel Verantwortung man direkt nach der Ausbildung bekommen hat, schließlich hing vom eigenen Geschick ein Großteil der Förderung ab".

 

 

Okay, und wie haben Sie die Kameradschaft untertage erlebt ?

 

 

Norbert Bruckermann:"Ich habe nach der Zeit auf'm Pütt in mehreren Firmen gearbeitet. Eine mit der Zeche vergleichbare Kameradschaft habe ich nirgendwo mehr kennen gelernt. Das kann natürlich auch mit den "anderen Zeiten" zusammenhängen. Ich denke aber, dass die Gefahren unter Tage zusammen geschweißt haben. daher kommt vermutlich auch die Einstellung der Kumpel zu ihrem Job: Bergmann ist kein Beruf, sondern Berufung…" !

 

 

Das ist wahr. Herr Bruckermann was waren denn Ihre Ambitionen in den Bergbau zu gehen ? Waren dort schon Familienmitglieder oder Freunde beschäftigt oder war es doch die Faszination ?

 

 

Norbert Bruckermann: "eigentlich wollte ich nicht zum Pütt: Mein Vater war über Tage als Schlosser und hat dort über 40 Jahre gearbeitet. Was er von seiner Arbeit erzählt hat, hat nicht unbedingt Begeisterung geweckt. Aber auf der Zeche konnte ich meinen damaligen Traumberuf lernen. Und nach meiner ersten Grubenfahrt im ersten Lehrjahr war es um mich geschehen: dort unten wollte ich später arbeiten…."

 

 

Vielen Dank für das tolle Interview bis hierhin. Es wäre schön, wenn Sie mir jetzt noch eine Reflexion zu Ihrer Zeit auf Lohberg geben könnten.

 

 

NorbertBruckermann: "Nach meiner Abkehr vom Pütt 1997 hatte sich für mich die Sache "Zeche" eigentlich erledigt. Der Sinneswandel kam erst mit der Ankündigung der Stilllegung "meiner" Zeche. Ich wollte nicht, dass alle Erinnerungen für immer verloren gingen. So entstand zunächst meine (technisch leider nicht mehr auf der Höhe der Zeit) Internetseite www.bergwerk-lohberg.de, später kämpfte ich mehrere Jahre im Förderverein Fördertürme Bergwerk Lohberg für den Erhalt der Lohberger Fördergerüste (so wie es in Lohberg jetzt aussieht hatte ich mir das nicht vorgestellt). Durch einige Zufälle entstand in der Zeit die Idee zu meinem Online-Shop www.zechen-shop.de, der inzwischen größer ist, als ich es mir je erträumt hatte."

 

 

Herr Bruckermann, ich danke Ihnen ganz herzlich für das tolle Interview !